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Leseprobe Ovalyth IV


Am nächsten Morgen betrat Estella die Eingangshalle der Zentralverwaltung und meldete sich an der Empfangstheke. Seltsamerweise musste sie kein Geheimhaltungsformular unterzeichnen.

Sie stieg die hufeisenförmig geschwungene Freitreppe hinauf und bog in den Gang zum Großen Saal ein. Der Mitarbeiter in dem wollweißen Anzug wartete bereits auf sie.

»Hallo Estella«, sagte er und lächelte.

»Hallo … Wie heißen Sie eigentlich?«

»Wolfgang«, antwortete er, »und ich bin auf Ihrer Seite.«

Ehe Sie nachfragen konnte, öffnete er die Doppeltüre und führte sie in den Saal.

Estella wich das Blut aus dem Kopf.

Rechts und links waren Stuhlreihen aufgestellt. Es mussten Hunderte von Empathen sein, die dort saßen und Estellas Gang zum Podest beobachteten. Die heilige Inquisition mit Publikum. Diesmal hatte man noch einen draufgesetzt.

Estella straffte die Schultern und brachte den Weg hinter sich, ohne nach rechts oder links zu schauen.

Wie schon beim letzten Mal saßen nur vier Mitglieder des Empathenrates im Halbrund hinter den Marmortischen. Auf der linken Seite Albion und Ethan, in der Mitte die Vorsitzende, Giselle, und auf der rechten Seite Viktor, der SR11.

»Danke, dass Sie heute zu uns gekommen sind«, sagte Giselle.

Nun ja, Estella hatte wohl kaum eine andere Wahl gehabt.

Giselle lächelte wissend. »Die Empathen, an denen Sie vorbeigegangen sind, sind die Mitarbeiter der Zentralverwaltung und die Mitglieder der Wächterteams. Ich habe sie heute dazugebeten, weil ich möchte, dass alle hören, was Sie zu sagen haben, denn Sie sind nicht irgendwer. Keiner der Anwesenden – uns vier Ratsmitglieder eingeschlossen – hat es in weniger als fünf Jahren seit Ausbildungsbeginn bis zur Stufe neun geschafft. Sie haben eine beispiellose Leistung erbracht. Nicht zu reden von der Erfindung der Estella-Technik, dem Aufspüren des Jemazurs und seiner Befreiung und dem Gang durch die Hölle. Das alles zeugt von Ihrer beispiellosen Disziplin und Ihrem außergewöhnlichen Verantwortungsbewusstsein. Trotzdem möchten Sie keine Wächterausbildung absolvieren, obwohl es bedeutet, dass Sie niemals zur SD10 aufsteigen können. Das ist eines der wenigen Male, dass wir so etwas erleben, und wir fragen uns, warum Sie diese Entscheidung getroffen haben. Möchten Sie uns Ihre Gründe nennen?«

Estella ließ sich einen Augenblick Zeit, bis sie sicher war, die Aufmerksamkeit aller im Raum zu besitzen.

»Bin ich verpflichtet, darüber Auskunft zu geben?«

Giselle zögerte kurz, ehe sie sagte: »Nein, das sind Sie nicht.«

»Dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag.« Estella erhob sich und trat neben den Stuhl.

Eine Stimme ertönte vom Außenrand des Saales. »Ich denke, ich verstehe, warum Estella sich weigert.«

Estella blickte sich um und sah Wolfgang auf sich zusteuern.

Als er neben ihr stand, sagte er: »Estella ist verletzt, sie ist getroffen und sie ist zornig. Doch das sind nicht die Gründe für ihre Entscheidung. Der Grund ist ein anderer: Sie vertraut uns nicht mehr.
Einige von uns haben in den vergangenen Wochen und Monaten eine Hexenjagd sondergleichen veranstaltet. Warum ist das geschehen? Weil Estella versucht hat, Lukas zu helfen. Allerdings hat sich kaum jemand für ihre Motive interessiert. Selbst als wir Ihre Rund-Mitteilung erhielten, verehrte Vorsitzende, gingen die Anfeindungen weiter. Doch jetzt, wo uns die Wächterteams wegbrechen und wo wir Estella mal wieder brauchen, jetzt erinnern wir uns plötzlich daran, dass sie Empathin ist und ihre Pflicht zu erfüllen hat. Sie wird mal eben zur Prüfung zur SD9 zitiert; und das kein halbes Jahr, nachdem sie zur SD8 ernannt wurde, und ohne dass sie sich vorbereiten konnte. Wann haben wir so etwas zum letzten Mal veranstaltet? Ich habe mir die Freiheit genommen, es nachzusehen. Die Antwort lautet: Noch niemals.
Damit nicht genug. Heute steht Estella mitten in einem Saal voller Empathen, die eine Rechtfertigung von ihr hören wollen wegen einer Entscheidung, die gemäß unseren Regeln ihre ureigene Sache sein sollte.
Wir beugen unsere Regeln, weil wir verschnupft sind. Wir sind beleidigt. Nicht, weil Estella eine eigene Entscheidung getroffen hat, sondern weil sie sich gegen uns entschieden hat. Gegen die Gemeinschaft, die seit Monaten über sie herzieht und sie verurteilt, ohne sich einen Deut um ihre Version der Geschehnisse zu scheren.
Erwarten wir angesichts all dessen tatsächlich, dass sie lächelnd unseren Wünschen entspricht, damit wir genau da weitermachen können, wo wir aufgehört haben, sobald wir bekommen haben, was wir wollen?
Erwarten wir tatsächlich, dass sie uns vertraut?
Seien Sie mir nicht böse, verehrte Vorsitzende, aber ohne Vertrauen geht es nicht. Und ohne Fairness auch nicht. Ich kann Estella gut verstehen.«

Giselle schaute Estella an. »Liegt Wolfgang mit seiner Einschätzung richtig.«

Ja, das tat er. Sie hätte es nicht treffender formulieren können. Das sagte sie Giselle.

»Ich verstehe«, antwortete Giselle. »Wären Sie denn eventuell bereit, uns bei dieser anderen Angelegenheit zu helfen? Wolfgang sprach es bereits an. Seit Jasons Verschwinden stürzen uns diejenigen Wächter, die auf dem Ball unter den Bann von Projektionsbojen gerieten, im Freien Raum massiv in Abgründe, die gar nicht existieren. Ganze Wächterteams fallen deswegen aus oder müssen neu zusammengestellt und aufeinander abgestimmt werden. Sie haben seinerzeit in der Waschküche etwas Ähnliches erlebt. Möglicherweise sind Sie die Einzige, die vielleicht noch eine Idee haben könnte, woran es liegt. Werden Sie uns helfen? – Bitte, Estella!«

Estella nickte. »Natürlich helfe ich Ihnen. Aber ich habe eine Bedingung: Ich will keine Anfeindungen hören oder sehen. Ein schiefer Blick, und ich bin weg.«

Im Saal wurde ein Stuhl zurückgestoßen. Annika stratzte zum Mittelgang und hielt kurz vor dem Podium an.

»Heißt das, hier darf dich niemand mehr für irgendetwas kritisieren. Bist du von nun an unantastbar?«

Estella lief die Stufen hinunter und stoppte zwei Meter vor Annika.

»Meine Antwort für deine Gegenantwort.«

»In Ordnung«, antwortete Annika.

»Du hast es treffend beschrieben«, sagte Estella so überheblich, wie sie konnte. »Keine Kritik, solange ich mich an den Ethikcode halte. Selbst wenn ich hier mit einem lila-grün-gepunkteten Kleid, mit gelb-blauen Ringelsöckchen und roten Lackschuhen aufschlage, werden deine Augenbrauen keinen Millimeter nach oben wandern. – Nun zu meiner Frage. Es geht um meine Beziehung zu Lukas. Was hast du gefühlt, als erfahren hast, dass –.«

»Dass du ihn geküsst hast?«, fiel Annika ihr ins Wort. »Das kann ich dir sagen. Ekel, Abscheu. Es war widerlich. Wie konntest du nur?«

Estella schüttelte den Kopf. »Du hast mich nicht ausreden lassen. Ich wollte etwas anderes wissen. Was hast du gefühlt, als Lukas sich geopfert hat, um Jason davon abzuhalten, mich weiter zu drangsalieren? Als er um meinetwillen alles aufgegeben hat. Seine Erinnerungen, seine Persönlichkeit, sein Leben.«

»Er hat bekommen, was er verdient hat.«

»Das ist keine Antwort auf meine Frage.«

Trotzig erwiderte Annika ihren Blick. »Überraschung.«

»Was noch?«

»Nichts. Es hat mich nicht interessiert.«

Estella deutete auf die Stuhlreihen. »Weißt du, wie viele Sensoren gerade spüren, dass du lügst? – Du hast mir die Beantwortung meiner Frage versprochen. Das war die Abmachung. – Also, was hast du gefühlt?«

»Nein!«

»Sag es uns, Annika!«

Die rothaarige Frau presste die Lippen aufeinander.

Aus dem Stuhlreihen erhob sich eine dunkelhaarige Frau. Estella erkannte sie wieder.

»Eifersucht«, sagte Ruth. »Du bist vergangen vor Eifersucht. Deswegen hast du alle gegen Estella aufgehetzt. Ich habe es viel zu spät erkannt. Und dann habe ich aus falscher Loyalität dir gegenüber geschwiegen.« Nun wandte sie sich an Estella. »Es tut mir leid. Auch das, was ich damals im Waschraum über dich gesagt habe.«

Giselle erhob sich. Ihre Augen sprühten vor Zorn. Ihre Aura dehnte sich bis in den letzten Winkel des Raumes aus.

»Diese Frau«, sie deutete auf Estella, »weigert sich, mit uns zusammenzuarbeiten. Nicht nur das. Sie wollte uns noch nicht einmal mitteilen, warum sie mit uns nichts zu tun haben will. – Und sie hatte absolut Recht damit.
Estella hat genau eine Sache getan, die sie in die Schusslinie gebracht hat. Sie hat eine Gewissensentscheidung getroffen! Sagt Ihnen das noch etwas? Erinnert sich hier irgendjemand an die 21. Empathenregel? Niemand außer dir selbst kann die Verantwortung für dein Handeln übernehmen. Daher erlaube niemandem, dir zu befehlen, dein Gewissen auszuschalten.
Estella hat genau das getan, was der Ethikcode von ihr verlangt. Und was folgte daraus? Eine Hysterie, die selbst ich bis dahin für unmöglich gehalten hätte, und glauben Sie mir, ich habe schon einiges erlebt.
Selbst, als ich Ihnen die Videos schickte – und ich spreche hier von Videos, die eigentlich streng vertraulich waren –, ging die Hetze weiter. Ich ließ Ihnen Zeit, weil ich hoffte, Sie würden zur Vernunft kommen. Es fruchtete nicht.
Wir haben einen Ethikcode, den einzuhalten jeder Einzelne von Ihnen geschworen hat. Dies ist die absolute Voraussetzung, um in dieser Institution zu arbeiten.
Ich habe Sie heute nicht nur hier versammelt, um Sie mit dem zu konfrontieren, was Sie bei Estella ausgelöst haben. Ich habe Sie auch hier versammelt, um Sie als Vorsitzende des Empathenrates und als Leiterin der Zentralverwaltung mit den Konsequenzen Ihres Handelns zu konfrontieren.
Ich habe mich entschlossen, diejenigen von Ihnen, die unseren Ethikcode fortwährend mit Füßen getreten haben, mit sofortiger Wirkung zu entlassen. Ich bitte nun diejenigen, deren Namen ich aufrufe, aufzustehen und in den Mittelgang zu treten. Sie werden anschließend aus dem Saal geführt. Sie haben zwei Stunden Zeit, um Ihre Sachen zu packen und die Zentralverwaltung zu verlassen. Danach werden die Türen neu auracodiert, sodass Sie keinerlei Zugang mehr zu den Bereichen der Zentralverwaltung haben, die nicht öffentlich sind. Diejenigen, die hier in der Zentralverwaltung wohnen, werden übergangsweise in einem Hotel untergebracht, bis sie eine neue Wohnung gefunden haben. Ich lese nun die Namen vor.«

* * * Ende de Leseprobe.* * *

 

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