Leseprobe “Ovalyth II - Der Jemazur” von Dominique Clarier
Estella schob den Piepser zurück in die Jeanstasche und machte sich auf den Weg. Kurz darauf stand sie vor Larsons Schreibtisch.
»Du wolltest mich sprechen?«
»Wir haben neue Erkenntnisse bezüglich des Überfalls auf dich gewonnen«, entgegnete der Institutsleiter und führte sie zur Couchgarnitur.
»Ich vermute, diese Einsichten sind nicht angenehmer Natur«, argwöhnte sie und nahm in ihrem Lieblingssessel Platz.
»Möchtest du dich nicht hierher zu mir setzen?«
»Erzähl es mir einfach«, sagte sie und blieb genau dort, wo sie war.
»Ronin hat die Befragung der Gefangenen abgeschlossen. Die Abtrünnigen halten den Jemazur in der Nähe von Bangkok gefangen.«
Das war eine gute Nachricht. Trotzdem klopfte ihr das Herz bis zum Hals.
»Sie wollten dich zu dem Jemazur bringen.« Larson klang ruhig und souverän, so wie immer. Dennoch spürte Estella, welche Anstrengung es ihn kostete, diesen Eindruck aufrechtzuerhalten. »Das Ziel deiner Reise wollten sie bis ganz zum Schluss vor dir verbergen. Deswegen schickten sie einen Simulaner mit. Er hatte die Aufgabe, dich zu täuschen. Du solltest dem Glaswesen ahnungslos gegenübertreten.«
Man wollte sie zu dem Wesen bringen, das sie seit Tagen verzweifelt zu finden versuchte? Das ergab überhaupt keinen Sinn. Sie wartete auf Larsons Erklärung, doch aus seinen Worten sprach nur Bedauern.
»Es tut mir leid. Ich hätte dir dies gerne erspart. Aber du hast das Recht, es zu erfahren.«
Plötzlich wünschte sie sich, sie wäre seiner Bitte gefolgt und hätte neben ihm Platz genommen.
»Das Ziel war, den Jemazur unter Schock zu setzen, um eine Lücke in seinem mentalen Abwehrschild zu erzeugen, durch welche die Cervaner Einlass finden sollten.« Erneut hielt er inne.
»Larson, bitte!«, flüsterte sie.
Ihr Mentor vollführte eine hilflose Geste. Seine Miene war voller Mitgefühl. »Sie hatten vor, dich vor seinen Augen zu töten.«
Sein letzter Satz hallte in ihrem Geist nach.
Tod. – Aufhören zu atmen. Aufhören zu existieren. Kein Bewusstsein mehr. Kein ›Ich‹ mehr. – Es überstieg ihr Begriffsvermögen.
Das Herz hämmerte ihr gegen die Rippen, als wolle es den Brustkorb sprengen. Der Körper reagierte stets, selbst wenn die Psyche die Erkenntnis noch verweigerte.
»Es tut mir so leid«, sagte Larson leise.
Der Schock schnürte ihr die Kehle zu. Eine Weile saß sie nur da mit seltsam trockenen Augen. Irgendwann stand sie auf und brachte die Meter bis zur Tür hinter sich.
Ziellos lief sie durch die Gänge. Nur weg, irgendwohin, das war alles, was ihr Instinkt den Beinen, die sie trugen, befahl.
Vieh! – Wie Vieh hatte man sie abschlachten wollen. Ihr blutiger Tod – ein Mittel zum Zweck. Mehr nicht!
Mit einem Mal konnte sie kaum noch atmen. Wie an diesem heißesten Tag des letzten Jahres, als die Klimaanlage ausgefallen war und Larson ihre Arbeit nach draußen in den Park verlegt hatte.
Ein paar Meter entfernt leuchtete das Schild für die Besuchertoilette. Sie schleppte sich dorthin, stieß die Türe auf und stolperte in den Waschraum.
An dem weit geöffneten Fenster holte sie stoßweise Luft. Als der frische Sauerstoff in ihre Lunge strömte, fühlte sie sich ein wenig besser, doch das bleierne Gefühl in ihren Gliedern hielt an. Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand und schloss die Augen. Langsam rutschte sie bis auf den Boden. Die schweißnasse Stirn auf die angezogenen Knie gestützt, hockte sie eine halbe Ewigkeit auf den kalten Fliesen – allein mit ihren Gedanken.
Sie hielten sich für zivilisiert – diese Wegsucher, wie sie sich hochtrabend nannten. Und dennoch brachten sie es über sich, Menschen aus taktischen Erwägungen heraus zu ermorden. Ohne Gnade. Ohne Gewissen. Befehlshaber, die präzise planten und klare Anweisungen erteilten. Gefolgsleute, die Befehle ausführten, ohne zu hinterfragen.
Teufel und Schafe!
Estella hangelte sich am Waschbecken hoch.
Der Spiegel präsentierte ihr ein bleiches Gespenst.
Sie formte ihre Hände zu einer Mulde und ließ kaltes Wasser hineinlaufen, mit dem sie ihr Gesicht benetzte. Dies wiederholte sie einige Male. Minuten später fühlte sie das Leben in ihren Körper und die Entschlossenheit in ihren Geist zurückströmen.
Als sie nochmals in den Spiegel schaute, blickte ihr eine Frau in aufrechter Haltung entgegen.
Wenig später kehrte sie in das Büro des Institutsleiters zurück.
»Ich brauche deine Hilfe. Ich werde jetzt herausbekommen, wo genau in Bangkok der Jemazur gefangen gehalten wird. Und dann befreien wir ihn.«
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